Worte zu Anne Kuprat

Auszug aus einer Rede von Dr. Clemens Jöckle, Speyer zur Eröffnung der Ausstellung von Philipp Steiner und Anne Kuprat Landtag Mainz

Rede von  Clemens Jöckle S2

Rede von Clemens Jöckle S2

Rede von Clemens Jöckle S3

Rede von Clemens Jöckle S3

Rede von Dr. Ulrike Brandenburg zur Eröffnung der Einzelausstellung von Anne-Marie Kuprat in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur

November 2012

Sehr geehrte Frau Präsidentin Prof. Dr. Lütjen-Drecoll, sehr geehrte Frau Prof. Dr. Gateff, sehr geehrte Künstlerin Anne Kuprat, liebe Prominenz, liebe Wissenschaftler, liebe Freunde, liebe Alle,

es ist ganz wunderbar, dass Sie heute Abend hierher gekommen sind, um mit uns zusammen diese anrührende und beeindruckende Ausstellung zu eröffnen.
Die Arbeiten von Anne Kuprat – Plastiken zumeist, aber auch Zeichnungen, treffen Sie im Foyer und vor dem Hause an.
Virtuos hat die Künstlerin das Thema „Mensch und Tier“ umgesetzt – es begegnen unter anderem Reitergruppen, deren Immanenz, deren Bewegungsfreude und Eleganz sie in der Wirkung eher als Tänzer-Gruppen qualifiziert.
Die Zeichnungen sind übrigens Folgearbeiten der Plastiken. Denn Anne Kuprat modelliert, ohne dabei einem Entwurf zu folgen.

Zitat: „Beim Arbeiten wende ich mich immer wieder dem Figürlichen zu.
Ich untersuche und spiele mit dem Moment, der entscheidet, wann etwas lebendig wird.
Menschen und Tiere treten mir gegenüber und zeigen ihren Charakter.
Manche dieser Wesen kommen aus dem Gleichgewicht, gehen, taumeln, heben ab.
Sie sind von einer sich auflösenden Leichtigkeit.“
Zitat-Ende.

Als äußerst zutreffend empfinde ich die Formulierungs-Findung: „Menschen und Tiere treten mir gegenüber“, weil sie sehr präzise ein Erleben abbildet:
Nämlich dasjenige, dass das Geschöpf mit dem Moment seines Hervortretens aus der Nichtexistenz seine unverwechselbare Identität erworben hat.
Sein Dasein ist im Moment des Geschaffenseins vollendet, was die Forderung nach einer weiteren Entwicklung, einer erneuerten Gestaltwerdung ausschließt.

„Menschen und Tiere treten mir gegenüber“:
Ich habe dieses Zitat von Anne erst entdeckt, als ich meine eigenen spontanen Eindrücke nach dem Atelierbesuch stichwortartig zu Papier brachte.

Ich hatte notiert:
-elegant
-erfülltes Sein
-Sprung/Dynamik
-von Energie und Erotik getragen werden
-keine anti-intellektuelle Position, sondern der Anspruch auf die eigene Daseins-Vollendung

Als ich merkte, dass mein Terminkalender es mir nicht erlauben würde, Annes Rede früher als am Abend vor der Vernissage zu verfassen, notierte ich mir einige Tage nach dem Atelierbesuch Folgendes:

Was berührt mich so?????

Bär und Schwangere – die primär nicht-allegorische Gruppe wird zum Symbol der Erfüllung.
Das Tier als Seinsmetapher, die im Wortsinn vom Sein erfüllte Frau, DA SEIN.
Die Frau als Behausung.
Etwas, das aus Zweigen hergestellt, gewunden, gebaut wurde ist Architektur.
Es begegnen vollendete, ideale Formen.

Was also berührt mich so an diesen Arbeiten?
Dass die eigentliche Kathedrale des Fortschritts die Form eines oder mehrerer Lebewesens besitzt,
welche sich nur durch ihr Sein und „nur“ dadurch artikulieren können.
Die stets postulierte Differenz zwischen Tier und Mensch entfällt.

Thema: Behausung also.
Zu Hause sein.
Wo: Wenn nicht im Leben?

Soweit meine Notate -

die ich im Folgenden näher ausführen möchte – bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen die Künstlerin näher vorstellen – beziehungsweise die Stationen ihres Weges noch einmal in Erinnerung rufen.

Als ich Anne vor acht Jahren kennen lernte, geschah dies durch die Vermittlung einer mit uns beiden befreundeten Biologin und Filmemacherin. Tatsächlich zeigt Annes Biografie, dass die Aura ihrer Kunstwerke auf fachlichem Doppelinteresse beruht.
An der hiesigen Johannes Gutenberg-Universität hat sie Kunsterziehung und Biologie studiert und die entsprechenden Staatsexamina abgelegt.
Es folgte ein Ergänzungsstudium des Naturwissenschaftlichen Films und ein Aufbaustudium der Wissenschaftlichen Illustration.
Tatsächlich arbeitet Anne in all‘ diesen Brot-Berufen – und zwar mit Freude und Engagement. Sie ist Kunsterzieherin und kann als wissenschaftliche Illustratorin auf mehrere Veröffentlichungen zurückblicken.
Last not least aber und Gott sei Dank ist sie: Künstlerin, und das mit einem eigenen, auf einem unverwechselbaren Konzept beruhenden Stil, der ihr denn auch eine große Anzahl an Ausstellungsbeteiligungen und Einzelausstellungen eingebracht hat.

1995 ist sie mit dem Kunstpreis der Stadt Bingen ausgezeichnet worden, viele ihrer Werke befinden sich mittlerweile in Privatbesitz, unter anderen haben die Dresdner Bank, das Saarbrücker Elektrizitätswerk, das hiesige Gutenbergmuseum, das hiesige Landesmuseum, der Botanische Garten der Mainzer Universität und eben auch die Akademie der Wissenschaften Werke angekauft.

Zur Ausstellung:

In seiner Einführung in die Doppelausstellung Philipp Steiner und Anne Kuprat im Foyer des rheinland-pfälzischen Landtages 2006 hat Clemens Jöckle auf den sozio-ökonomischen Hintergrund von Anne Kuprats Plastiken hingewiesen. Tatsächlich erlauben die verwendeten Materialien, Zweige, Draht und Papier, in diesem Zusammenhang die Nennung der in den 60er Jahren entstandenen italienischen Arte Povera, die sich meistens eben dieser natürlichen „Kunst“-Stoffe bedient.
Clemens Jöckle weist zutreffend darauf hin, dass die Verwendung der einfachen Materialien bei Anne Kuprat auf die Vergänglichkeit von Vorbild und Abbild ziele. Gleichzeitig öffnet Jöckle eine Perspektive der Dauerhaftigkeit. Der Bronzeguss erlaube das Fortleben des Kunstwerkes, dessen erotische Energien diesen Anspruch auf Ewigkeit durchaus bestätigten.
Soweit Clemens Jöckle.

Ewigkeit, Eros und Dauer also, um diese letztgenannten Stichworte aufzunehmen.
Schauen wir uns in dieser gegenwärtigen Ausstellung um.

Zunächst begegnet eine Frau auf einem Bären.
Als mir dieses Paar in Annes Atelier entgegenkam, war ich spontan von der Ruhe-Ausstrahlung dieser Gruppe fasziniert. Da reitet eine schwangere Frau auf einer Bärin, und das wirkt so, als gäbe es nichts Normaleres auf der Welt. Das Raubtier trägt die werdende Mutter, es wärmt sie und bietet ihr Schutz. Die Frau hinwiederum entspannt sich auf dem Rücken des Tieres. Beide scheinen sich einig zu sein: Sie sind Teil der Natur, Teil des Lebens, ja, sie sind das Leben selbst, das nur aus dieser Ungestörtheit heraus überhaupt existieren kann.
Denn Zukunft liegt nur in der Natur. Auch in der modernen Zivilisation ist es immer die Natur, die uns am Leben erhält. Wir gehören ihr an. Mit den Tieren teilen wir unseren Gencode. Wir gebären und wir sterben. Und wir fühlen und wir handeln strategisch: Auch das verbindet uns mit den Tieren.
In Anne Kuprats Plastik manifestiert sich dieses natur-basis-demokratische Bewusstsein, dessen Förderung auch ein Anliegen der gerade zurückliegenden dOCUMENTA 13 war.

Auch alle anderen etwa Reiter-Gruppen zeigen diese inhaltliche Tendenz – stets verkörpert das Tier Eigenschaften des Menschen, und stets verkörpert der Mensch Eigenschaften des Tieres, beide bilden in ihrem Auftritt eine semantische Einheit.
Denn in ihrem tänzerischen Duktus beweisen auch und insbesondere die kleinen Reitergruppen eines: dass der Mensch sich nur dann in der Balance fühlen kann, wenn Verstand und Gefühl, wenn das Denken und die Emotion sich die Waage halten.
Es ist das Seinsgefühl an und für sich, auf dem die Menschengestalten dahingaloppieren oder sich mehr oder weniger ungeschickt zu halten versuchen. Wieviel Erfolg ihnen dabei beschieden ist, sei dahingestellt: Sie wirken befreit, weil dem Sein der Stellenwert zugeschrieben wird, der ihm eigentlich gebührt.
Da zu sein, ist etwas ungeheuer Kostbares, aber zugleich ein Wert, der sich in den modernen Gesellschaften gegen kapitalistisch definierte Werte verteidigen muss und zumeist unterliegt – wenn auch kritische Gegenstimmen existieren, wie diejenige des amerikanischen Moralphilosophen Michel Sandel, der sich aktiv gegen die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche wendet.

Und dann gibt es in dieser Ausstellung – neben den wunderbaren Bronzegüssen – noch die Gruppe der aus Zweigen zusammengeknüpften Tiere – auch diese sind Gott sei Dank inzwischen teilweise im Bronzeabguss bewahrt.
Ich habe immer bewundert, mit welcher Instinktsicherheit Anne diese Gestalten formt, welch‘ typische Bewegungsabläufe sie nachzubilden imstande ist, und wie gegenwärtig das porträtierte Tier ist.
Diese Tierpräsenzen sind von einer Intensität, die mich an vorgeschichtliche Höhlenzeichnungen erinnert, und eigentlich könnte man ja auch sagen, dass Annes Zweig-Plastiken im Grunde dreidimensionale Zeichnungen sind.

Besonders spannend nun finde ich, dass Anne mit dem Verknüpfen der Zweige zu, im Wortsinn, Lebensräumen
ein Prinzip früher Architekturen übernommen hat.
In seinem zusammen mit Micky Remann veröffentlichten Buch „Grüne Kathedralen/Die weltweite Wirkung wachsender Weiden“ (eine bewusste, vielleicht auch bewusst ans Althochdeutsche angelehnte Alliteration) beschreibt Marcel Kalberer die Vorgänger der steinernen gotischen Kathedralen:
Es seien dies formal entsprechende, aber dann eben grünende Weidengeflechte gewesen.
Fakt ist, dass auch moderne Künstler wie etwa der Finne Marco Casagrande die „weak architecture“ – die so genannte schwache Weiden-Architektur, „a human made structure that wishes to become part of nature through flexibility and organic presence“ – auf internationalen Schauen von Kunst im Öffentlichen Raum präsentieren. Casagrandes „sandworm“ in den Dünen von Wenduine, gezeigt bei der vierten Ausgabe von Beaufort, der Kunsttriennale an der belgischen Nordseeküste, wurde in diesem Sommer – für Hochzeiten genutzt.

Mit diesem Hinweis schließt sich der Kreis der Lebensräume, jedenfalls dessen von mir ins Werk gesetzte verbale Paraphrase – ich möchte ja Ihnen, den Besuchern, nicht jedes einzelne Seh- und Erkenntniserlebnis vorwegnehmen.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen viel Inspiration durch diese Ausstellung, Dir, liebe Anne, viel Erfolg und der Akademie eine erfolgreiche öffentliche Wirkung durch die Kunst.
Vielen Dank.

Ulrike Brandenburg

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